Abschied von Hans Günter Winkler

Die Springreiterlegende starb Anfang Juli 2018, kurz vor seinem 92. Geburtstag.

Hans Günter Winkler (Welt digital):
„Als sie mich aufs Pferd hievten, habe ich geschrien. Ich hatte überhaupt keine Kontrolle über Halla, bei jedem Sprung schrie ich so laut, wie ich konnte. Halla sprang immer höher und kam fehlerlos durch“, beschreibt Winkler den weltberühmten Ritt mit seiner braunen Wunderstute, durch den nicht nur die Mannschaft sondern auch er in der Einzelwertung olympisches Gold gewann.

„Dieses wunderbare Pferd machte mir die größte Liebeserklärung, indem es am langen Zügel, nur begleitet von meinen Schmerzensschreien, über jeden Sprung ohne Fehler ging.“

Es war immer eine Ehre für mich, für Deutschland an den Start zu gehen

Hans-Günter Winkler (HGW)

Meine ersten Erinnerungen an Hans Günter Winkler liegen mehr als 60 Jahre zurück. Damals, als kleiner Junge, sprachen mein Freund Holger und ich über Hans Günter Winkler, von dessen Erfolgen wir Knirpse bestenfalls und dann auch nur zufällig im Radio oder von den Erwachsenen hörten. Halla wurde für uns aber ebenso ein Begriff wie Meteor von Fritz Thiedemann. Gewaltige Springpferde in unserer kindlichen Phantasie! Aber ein Springturnier hatten wir nie live gesehen. Uns faszinierte damals auch die „Mauer“ als Hindernis, das es zu überspringen galt. Als Mauer mit Hindernischarakter kannten wir nur die Gefängnismauer des ehemaligen Wieslocher Gefängnisses, neben dem ich als Kind wohnte. Aber: Für Holger und mich war das kein Hindernis. Wir waren überzeugt:

Der Winkler schafft sogar diese Mauer!

Mit den Jahren und der Zuwendung zum Reitsport relativierte sich dieses Mauerhindernis und wurde in der Tat „überwindbar“. Wie eindrucksvoll die damaligen Reportagen jedoch waren, das zeigte sich in unserer kindlichen Vorstellung. Überzogen waren unsere Vorstellungen von der Reiterei, die wir nicht real kannten, ja, aber überzeugend waren diese erregten und Aufsehen erregenden Reportagen allemal. Vielleicht spiegelt sich in der kindlichen Wahrnehmung von damals auch das „Aufatmen“ der Deutschen, wieder einen positiven Helden zu

haben, der ja so wichtig war zu jener Zeit, als die Nachwirkungen des unsäglichen Krieges und der Gewaltherrschaft der Nazis nachbebten. Darüber wurde inzwischen von den Historikern tatsächlich geredet. Der Reitsport jener Jahre wurde durch Winkler und Thiedemann und etliche andere klangvollen Namen zu einem Erlebnis für Deutschland, das endlich weltweit wieder für positive Anerkennung sorgte. Insofern wurde die Reiterei damals zu einem Beispiel positiven Politikums und erhielt so tatsächlich historische Bedeutung. Darin mag auch der Kern für Hans Günter Winklers anhaltende Popularität liegen: Das kollektive Gedächtnis vergisst nichts. Hans Günter Winklers Initialen „HGW“ wurden, sind und bleiben in diesem Zusammenhang ein Synonym für Beständigkeit und Zuverlässigkeit und auch Demut, denn er sagte: „Es war immer eine Ehre für mich, für Deutschland an den Start zu gehen!“

Hans Günter Winkler war mehr als nur eine „Reiterlegende“, er ist eine historische Persönlichkeit.

Er starb mit 91 Jahren in Warendorf und war bis in dieses hohe Alter präsent bei den großen Turnieren und er war auch Antreiber für neue Wege und vor allem für die Förderung des Reitsports der Jugend.

Eine Karriere mit Hindernissen

Am 24. Juli 1926 kam HGW in Wuppertal zur Welt. 1938 zogen die Winklers nach Frankfurt am Main, wo der Vater im Hippodrom einen Reitstall leitete. Reiterliches Vorbild des jungen Sportlers war der legendäre Hans Heinrich Brinckmann. Während des Zweiten Weltkriegs musste Hans Günter Winkler nach dem Arbeitsdienst auch als Flakhelfer dienen, während Vater Paul Winkler fiel und die Mutter ausgebombt wurde. 1945 kehrte Winkler 19jährig aus belgischer Gefangenschaft heim. Die Not nach dem Krieg machte Hans Günter Winkler so zu schaffen, dass er diese Zeit nie mehr erleben wollte: Er setzte sich Ziele, die so einfach nicht zu erreichen waren. Er wollte einerseits „der erfolgreichste Springreiter der Welt werden“ und andererseits wusste er: „Ich wollte nie wieder arm sein.“ Er kam schließlich zu einem Job als Stallbursche und Gärtner bei der Landgräfin von Hessen in Kronberg/Taunus. Dort erhielt er durch Reitmeister Eckardt eine sehr gute Ausbildung als Dressurreiter und konnte sich gleichzeitig als Hilfsreitlehrer für amerikanische Offiziere betätigen. Er muss seine Sache so gut gemacht haben, dass er den Militärgouverneur, General Dwight David Eisenhower, von 1952-1960 Präsident der USA, bei dessen morgendlichen Ausritten begleiten durfte.

Die Trauerfeier wurde in Hans-Günter Winklers Heimatstadt Warendorf abgehalten. © FN-Archiv/Foto Kaup

Der wollte den jungen Deutschen sogar adoptieren. Aber darauf vermochte sich der junge HGW nicht einzulassen. Das Engagement in Kronberg hatte jedoch Folgen: Hans Günter Winkler, der von 1947 bis 1950 in Frankfurt eine Ausbildung als Textilkaufmann absolvierte, hielt mit zwei Freunden Pferde und stieg in die Turnierszene ein. Mit dem „Job“ bei Eisenhower hatte es dann auch einen Haken:
1952 durfte Winkler nicht an den Olympischen Spielen in Helsinki teilnehmen. „Aufgrund einer anonymen Beschuldigung“, in Kronberg für Geld geritten zu sein, entzog ihm Avery Brundage die Starterlaubnis für Helsinki.

Doch Olympia blieb Winkler nicht auf Dauer verschlossen.

1950 holte Dr. Gustav Rau, der damalige Chef des Deutschen Olympiade Komitees

für Reiterei (DOKR), Hans Günter Winkler nach Warendorf. Dort traf Hans Günter Winkler auf „seine Wunderstute“ Halla, die er als

„eine Mischung aus Genie und irrer Ziege“

beschrieb. Mit Halla erreichte Winkler sportliche Unsterblichkeit: Bei den Olympischen Spielen 1956 in Stockholm erlitt Winkler im ersten Umlauf des Nationenpreises einen Muskelriss in der Leiste. Aber er ritt unter großen Schmerzen weiter und sicherte Deutschland den einzigen Nullfehlerritt des Tages: Gold für die Mannschaft und Einzelgold für Halla und Winkler: „Das Wunder von Stockholm“.
Halla und Winkler wurden Deutsche Meister, Derbysieger, Weltmeister und erneut Olympiasieger.
Mit sieben weiteren Pferden sammelte er ebenfalls Championatserfolge bei Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen.

Engagement für den Reitsport und Sinn für Geschäfte

Der Sarg mit dem Leichnam von HGW wurde von einem Fanfarenzug und Standartenträgern begleitet. © FN-Archiv/Foto Kaup

Am 13. Juli 1986 ritt HGW seine letzte Ehrenrunde in Aachen und verabschiedete sich nach rund 35 Jahren aus dem aktiven Sport. HGW übernahm gemeinsam mit Herbert Meyer das Amt des Bundestrainers, war Equipechef bei den Olympischen Spielen in Seoul 1988, bei denen die Mannschaft Gold und Karsten Huck Bronze in der Einzelwertung holte. Ende 1988 wurde Winkler Leiter des DOKR-Springstalls in Warendorf. 1991 gründete er im Alter von 65 Jahren eine neue Firma: HGW-Marketing.

Er veranstaltete Turniere, warb Sponsoren und war als Berater in der Wirtschaft tätig.

Fast nebenher führte der Vater von zwei Kindern zudem mit seiner vierten Frau Debby, einer Amerikanerin, einen Turnierstall in Warendorf. Schwer traf ihn dann das Schicksal erneut, als seine Frau Debby 2011 bei einem Reitunfall starb.

Förderung der Reiterjugend

Bei aller Zielstrebigkeit hat Winkler immer über den eigenen Tellerrand hinausgeschaut. So hat er beispielsweise Fördermaßnahmen für junge Springreiter ins Leben gerufen wie das HGW Nachwuchschampionat und den Goldenen Sattel. Für seine

„herausragenden Verdienste um den Pferdesport“

wurde Winkler mit dem FN-Ehrenzeichen in Gold mit Lorbeer, Olympischen Ringen und Brillanten sowie mit dem Reiterkreuz in Gold ausgezeichnet.

HGW erhielt das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und gewann zweimal die Wahl zum Sportler des Jahres und sogar eine Wahl zum Sportler des Jahrzehnts.

Erfolge ohne Zahl

Hans Günter Winkler errang mehrfach den Titel Deutscher Meister und zwar von 1952-1956 und nochmals 1959, u.a. in Berlin auf Halla. Zweite Plätze gab es 1960, 1962 und 1966 mit Halla, Romanus und Phebus. Mit Enigk, Torphy und Humphry war er ebenfalls erfolgreich unterwegs. Bei den Europameisterschaften gewann er 1957 in Rotterdam mit Sonnenglanz, einem Halbbruder von Halla. Mit Halla holte er 1958 in Paris den dritten Platz der EM und ein Jahr später wurde er ebenfalls in Paris mit Halla Vierter. Weitere EM-Platzierungen als Zweiter und Dritter folgten von 1961 bis 1969 mit Romanus, Togo und Enigk. Hans Günter Winklers sportlicher Ruhm basiert auch auf seinen beiden Weltmeistertiteln von 1954 in Madrid mit Halla und Alpenjäger sowie 1955 in Aachen mit Orient und Halla. Doch ganz oben auf der Bilanz stehen die Erfolge bei den Olympischen Spielen: 1956 wurde er Olympiasieger in der Einzelwertung und mit der Mannschaft in Stockholm mit Halla. Diese Ritte wurden zu den spektakulärsten der Reitsportlegende, weil sie trotz einer schweren Verletzung Winklers zu einem erfolgreichen Ende kamen. 1960 wurde er erneut Olympiasieger mit der Mannschaft in Rom und wieder hatte er Halla gesattelt. Diesen Erfolg wiederholte er mit dem deutschen Team 1964 in Tokio mit Fidelitas. 1968 sprang der dritte Platz mit der Mannschaft in Mexiko City mit Enigk heraus. Bei den Spielen im heimatlichen München 1972 errang Winkler mit dem Team erneut den Olympiasieg. Er hatte Torphy gesattelt, mit dem er 1976 in Montreal Mannschaftssilber errang. In all den Jahren seiner Reiterei auf höchstem Niveau gelangen Winkler weitere bedeutende Erfolge. Fünfmal gewann der das Deutsche Springchampionat (1952-1958). 1952 war er Gewinner des Cups des Königs von Kambodscha für den erfolgreichsten Reiter der Welt. Große Preise gewann Winkler eine ganze Reihe von Aachen über Rom, Hamburg, London, Barcelona, New York und Toronto (1954-1970). Er gewann mit Torphy das Derby von Barcelona und 1974 den Großen Preis von Deutschland in Aachen. Für Deutschland Nationenpreise reiten zu dürfen, bezeichnete HGW stets als Ehre: 107-mal hatte er diese Ehre und brachte dabei 45 Siege mit nach Hause.

Hans Günter Winklers Leben bleibt im kollektiven Gedächtnis unsterblich.

HGW bleibt auch nach seinem Tod eine Springreiterlegende. © FN-Archiv/Foto Kaup

Quelle: Stb/fn-press

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