„Von Pummelfee und Bomberpony“ oder auch „Ran an den (Pferde-)Speck!“

Die einen sehen es, die anderen wollen oder können es nicht sehen: Ihr liebster Freizeitpartner Pferd ist zu dick!

Unsere Expertin: Madeline Fausel ist Pferdeheilpraktikerin (i.A.) nach Equinus Sanitas®. Sie legt viel Wert darauf, das Pferd im Ganzen zu betrachten und nicht an der Symptomatik, sondern an den Ursachen zu arbeiten. Mehr Infos gibt’s auf ihrer Website.

Alles wird mit einbezogen, denn jedes Pferd ist einzigartig und auch so zu verstehen.

Im Praxisalltag ist das mitunter eine der schwersten Hürden die zu meistern ist: „Wie erkläre ich einem Pferdebesitzer unfallfrei, dass das Pferd keine Extraportion braucht?“.
Weil wir wissen:

Liebe geht durch den Magen.

„Er kuckt so süß.“, „Wenn ich schon da bin, kann er auch was haben!“ oder auch übermäßiges Clickertraining – die Liste ist lang. Und so bekommt das Pferdchen doch auch 3 Portionen Futter am Tag, obwohl es bedarfstechnisch eigentlich gar nichts extra bräuchte…

Durch diese Fehleinschätzung des Futterbedarfs (s)eines Pferdes erfolgt Überversorgung an Energie und Fett, was beim Pferd relativ schnell zu Einlagerungen und Depots am Körper führt.
Klangvolle, viel zu reichhaltige und stoffwechselbelastende Fertigmüslis tun hierfür ihr Übriges.

Müsli riecht oft angenehm und sieht gesund aus - aus Sicht des Menschen.

Ich füttere getreide- UND melassefrei! Außerdem artgerecht 24 h Heu.

Der Trend zu den getreide- und melassefreien Müslis, welche gern als leichtverdaulich angepriesen werden, lässt sich vergleichen mit dem „Wolf im Schafspelz“.
Zwar ist kein hoher Zucker- bzw. Melasseanteil mehr im Futter enthalten, doch sind sie im Verhältnis zur Energie zu eiweißreich. Die angepriesenen Kräuter sind oftmals nicht oder nur in geringem Prozentsatz enthalten – was phytotherapeutisch gesehen, auch besser so ist. Der leckere Kräuterduft stammt zudem meist von Aromaölen, deren Verwendung auch eher umstritten sind.
Füttert man diese Müslis aus Angst vor Hafer, weil dieser „sticht“, lohnt ein Blick auf den Futtersack: diese Futtermittel liefern meist genauso viel Energie wie dieselbe Menge Hafer!
Hafer ist auch heute noch das bestverdaulichste und gesündeste Kraftfutter für Pferde. Und, auch noch das günstigste!

Na gut. Aber 24 h Heu zur Verfügung muss sein!

Die Heufütterung ist nach wie vor das A und O der Pferdehaltung. An dem sich allerdings auch die Geister scheiden.
Jedes Pferd reagiert anders auf das Fütterungsangebot der jeweiligen Haltung, weswegen eine differenzierte Betrachtung zwingend vonnöten ist.
Gerne werden Pferde einer Herde über einen Kamm geschert: Ponys mit hochgewachsenen Warmblütern zusammen mit ad libitum Heufütterung im Offenstall gehalten. Oft mit dem Ergebnis, dass das Pony zu dick und das Warmblut „genau richtig“ ist.

Ad libitum ist nicht für jedes Pferd/Pony gesund. Eine Rationierung erscheint oft grausam für den Dauerfresser Pferd. Ist aber tatsächlich öfter nötig, als gedacht.

Auch wenn das Pferd noch so niedlich ist - ständig Leckerlis zu geben schadet nicht nur der Bikinifigur, sondern auch der guten Erziehung.

Heutzutage ist die Futtermittelindustrie sehr einfallsreich, wenn es um Müslis geht.
Angefangen beim Namen, suggerieren sie schnellen Muskelaufbau, tolle Kondition und hohe Leistung – nur durch Füttern dieses Produkts! Tolle Sache. Denkste!

Was genau ist denn das Problem bei diesen Müslis?
Es ist doch so bequem, alles was mein Pferdchen braucht, schön gemischt im Futtertrog.

Das Problem: zu viel Zucker!
Einfach erklärt, verarbeiten Leber und Bauchspeicheldrüse als Chemiefabriken des Körpers, alle über die Nahrung aufgenommenen Nährstoffe wie z.B. Kohlenhydrate, Eiweiß und Fett. Sie spalten auf, wandeln um, bauen ab und entgiften.
Nimmt der Körper mehr Nährstoffe auf, als er über den Energieverbrauch loswird, wird eingelagert. Zuerst in der Leber und anschließend in Fettdepots am Körper, als Fettsträhnen in der Muskulatur. Zu sehen als „Pölsterchen“ an Kruppe, Schulter und am Mähnenkamm. Ist die Leber überlastet, kann sie ihren Aufgaben nicht mehr nachkommen und stellt wichtige Teile ihrer Entgiftungsfunktion ein. Hier zeigen sich dann schon Mängel im Blutbild und auch erhöhte Leberwerte.
Die Bauchspeicheldrüse des Pferdes ist nicht auf die Verwertung von viel und stärkereichem Futter ausgelegt – der Blutzuckerspiegel steigt und das gespeicherte Fett kann nicht mehr als Energielieferant dienen. Alles wird verlangsamt.
Der Teufelskreis beginnt!

Bei manchen Pferden ist eine unbegrenzte Menge an Heu für die Figur nicht so gut - eine Futterbremse schafft hier Abhilfe.

Wichtig ist: die Fütterung muss zur Arbeit passen!

Ein Übermaß an Energiezufuhr endet nicht grundsätzlich im spannigen/überdrehten Pferd, sondern je nach Rasse, körperlicher Verfassung sowie Gemüts- und Charakterlage im Anlegen von Speck. Es ist wichtig, dass das was ins Pferd über die Futteraufnahme an Energie reinkommt auch über Training bzw. Bewegung wieder verbraucht wird.
Der Energiebedarf und die daraus benötigte Futtermenge (von Heu und Kraftfutter) ist von Pferd zu Pferd unterschiedlich. Alter, Größe, Rasse und tägliche Arbeit muss mit eingerechnet werden.

Wie merke ich denn, ob mein Pferd zu dick ist?

Durch Adspektion (optische Überprüfung) und Palpation (Untersuchung durch Abtasten)

Beim Pferd/Pony mit guter Figur kann man mit dem bloßen Auge die Rippen am Brustkorb, die Schweifrübe (von hinten) und die Hüfthöcker noch erahnen. Fühlbar müssen die Knochenstrukturen noch gut sein, ohne viel Druck mit den Fingern anzuwenden. Im besten Fall sind die Muskeln gut zu spüren.

Sportliches Fjordpferd mit optimaler Figur.

Bei einem Pferd/Pony, welches schon zu dick ist, sind die Knochenstrukturen nicht mehr zu sehen und nur mit Druckaufwand zu erfühlen. Das Pferd wirkt insgesamt sehr rund und proper. (Ja, auch das ist schon zu dick!)

Zu dickes Pferd, noch ohne Fettdepots. Rassebedingter, sehr breiter Hals, aber auch noch ohne Fetteinlagerung.

An adipösen (verfetteten) Pferden/Ponys sind keine Knochenstrukturen mehr zu erfühlen. Die Tiere weisen gut sichtbare Fettdepots an Hals, Schulter und Kruppe auf. Hier ist schon allerhöchste Eisenbahn, was zu unternehmen. Nämlich das Arbeitspensum des Pferdes nach der gegebenen Situation erhöhen und das Futterangebot überdenken und umstellen (bitte alles in Rücksprache mit TA, Therapeut und Trainer! Radikale, zu schnelle Umstellungen können gefährlich werden!)

Viel zu dickes Pony mit sehr gut sichtbaren Fetteinlagerungen an Hals (mit Kipptendenz), Schulter, Kruppe und am Oberschenkel.

Was passiert denn, wenn mein Pferd zu dick ist?

Kurz gesagt: es wird krank

Das kleinste Übel vorweg: Die Leistungsbereitschaft sinkt, das Pferd ist dauernd müde und faul.
Das nächste Übel: Herz- und Kreislaufprobleme und Überbelastung der Gelenke (welche früher oder später zu einer Arthrose führen kann).
Ungut wird es dann, wenn die Fettleibigkeit zu einer immer mehr vorherrschenden Stoffwechselkrankheit führt, zB:

  • EMS (Equines Metabolisches Syndrom), also Diabetes beim Pferd (gibt’s mit und ohne Insulinresistenz),
  • „Pseudo“-Cushing (Cushing-Symptome, allerdings ausgelöst durch chronischen Stress),
  • KPU (Kryptopyrrolurie – das betroffene Pferd kann B-Vitamine nicht mehr richtig verstoffwechseln bzw. aktivieren).

EMS ist im Anfangsstadium noch heilbar. Cushing und KPU kann man, mit richtigem Management und guter Betreuung (in Kooperation mit Tierarzt und Heilpraktiker), in den Griff bekommen.

Das Beste für Pferd und Besitzer ist es allerdings, es gar nicht so weit kommen zu lassen!

  • BEWEGEN Sie Ihr Pferd ausreichend und abwechslungsreich.
  • FÜTTERN Sie in Maßen nicht in Massen.
  • Und sorgen Sie für eine artgerechte Haltung mit ausreichend Bewegung, also weiten Wegen zu Futter, Wasser und Schlafplatz.

Darf ich meinem Pferd überhaupt noch was zufüttern?

Die Frage die sich immer stellt, bei der Fütterung: WARUM?
Warum soll mein Pferd was extra bekommen?
Warum genau dieses Futter?

Genau genommen, braucht das gemeine Freizeitpferd im Stall von Lieschen Müller KEIN Extrafutter. Auch keinen Hafer!
Der Energieverbrauch ist bei einer Stunde Geländeschaukeln am Tag nicht hoch genug. (Davon ausgehend, dass das Grundtempo gemütlicher Schritt ist.)
Natürlich ist das überspitzt formuliert.
Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft. Essen ist im Überfluss da. Auch die Menschheit schlägt sich immer mehr mit den Folgen der „Überfütterung“ herum. Fitnessstudios haben Hochkonjunktur, die Fett-Weg-Kurse platzen – im wahrsten Sinne des Wortes – aus allen Nähten. Unsere Pferde können nicht ins Studio. (Glücklicherweise, sag ich da!)

Warum also nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen?

Bewegen Sie sich und Ihr Pferd! Gehen Sie raus. Eine ordentliche Reitstunde erspart Ihnen den ungeliebten Fat-Burner-Kurs, flotte Ausritte sind gut für die Seele und machen einen Heidenspaß!
Statt dem Leckerchen ein Küsschen auf die Samtnase und ein ernst gemeintes „PRIMA!“ bei der Longenarbeit erfreut ebenfalls ein Pferdeherz.

Drei bis vier Mal die Woche leichtes bis mittleres Training wäre optimal für den Vierbeiner.

Und mit Sicherheit auch für Sie!
Hierbei sind die Möglichkeiten natürlich grenzenlos – Longenarbeit, ein flotter Ausritt, ein strammer Spaziergang (nicht bummeln!), eine Runde Joggen (mit Pferd!), Reitstunde, Equikinetic – um nur ein paar zu nennen.

Die Pfunde purzeln (bei Pferd und Mensch), die Vitalität sowie die Fitness steigen.
Und noch besser: man ist und bleibt bei ausreichend Bewegung GESUND!

Ein wenig Dressur im Gelände macht Spaß, bringt Abwechslung und tut was für die Muckis!

Sie sind sich nicht sicher, ob Ihr Pferd zu viel oder zu wenig Futter bekommt?
Ob Ihr Pferd zu dick oder zu dünn ist?
Welche Art und wieviel Bewegung im aktuellen körperlichen Zustand für Ihr Pferd die richtige ist?

Hilfe finden Sie bei Ihrem Tierarzt, bei Futterberatern, dem Heilpraktiker sowie dem Trainer/Reitlehrer Ihres Vertrauens.

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